Grundausstattung fürs Abseilen in der Natur

Ich seile mich nun seit über 10 Jahren regelmäßig ab und habe viel ausprobiert. Was man wie und wo nutzt erfordert etwas Erfahrung, die sich in so einem kleinen Blogbeitrag natürlich nicht vollumfänglich abbilden lässt. Aber kurzgesagt: Beim Klettern nutzt man andere Ausrüstung als beim Canyoning oder in der Rettung. Dieses Setup hier soll eine Hilfestellung für Personen geben, die sich zum Spaß, fürs Geocaching oder im Kontext von taktischen Übungen abseilen wollen. Am stärksten ist das Setup fürs Abseilen in Bereichen mit Bäumen. Diese Liste dient nur als Vorschlag und ist keinesfalls eine offizielle Lehrmeinung oder für alles die beste Lösung. Es gibt auch viele andere Optionen und Konfigurationen, mit denen man sich auch sicher abseilen kann. Und finanziell kann man sich mit dem Material auch in den Ruin treiben, da es schier endlos viele Geräte für nahezu jeden Zweck gibt. Ich möchte das ganze aber etwas vereinfachen und eine allgemeine Empfehlung geben, die auch recht einfach in der Anwendung und daher auch recht sicher ist. Ein gewisses Restrisiko und Gefahr bleibt aber natürlich!

Disclaimer und Grundlage

Abseilen kommt mit beachtlichen Risiken! Manche davon sind offensichtlich und andere sind versteckt. Daher am besten einen Kurs buchen und/oder jemanden mitnehmen, der sich auskennt. Viele Techniken und Verfahren kann man auch in geringer Höhe von bis zu 2m üben, um das Unfallrisiko zu minimieren. Wissen ist immer die Grundlage für eine sichere Anwendung. Also vorher ordentlich mit der Thematik befassen, Abläufe im sicheren Umfeld ausprobieren und jederzeit aufmerksam sowie konzentriert bleiben!

Sachen für das Team

Einige Dinge kann man sich als Team zulegen und es reicht, wenn diese Sachen greifbar sind.

Das Set für das Team. Das Seil ist nicht mit abgebildet.

Halbstatisches Seil

Mit einem umgangssprachlich Statikseil genannten Seil nach EN1891 Typ A hat man viele Möglichkeiten und eine recht große Sicherheitsreserve. Als Durchmesser empfehle ich 11mm, da man es gut greifen kann, es auch Reserven bietet und man auch mit professionellen Geräten eine gute Kompatibilität hat. Als Länge rate ich meist zu 60m, da man so auch etwas Puffer hat. Denn wenn man an zwei Seilsträgen abseilt, dann kann man so 30m überwinden, ohne zwei Seile mit Knoten verbinden zu müssen. Oder man kann auch ca. 60m an einem Stück abseilen, wenn man das Seil oben befestigt. Zudem hat man Spielraum für Bäume, die ein Stück von der Kante entfernt sind. Und die Konsequenz, die ein zu kurzes Seil bringt, ist in der Regel viel viel anstrengender, nerviger und potenziell sogar gefährlicher, als ein längeres Seil. Wenn man natürlich weiß, dass an dem heimischen Felsen eh nur bis zu 10m Höhe zu erwarten sind, dann sind auch 30m genügend. Aber einige Meter mehr würde ich IMMER mitführen. Und IMMER an Endknoten denken, falls man sich doch mal mit der Länge vertan hat!

8-10m Reepschnur

In der Regel nutze ich 6mm Aramid-Reepschnur, da die besonders belastbar & schnittfest ist und auch bei dünnen Seilen als Prusik gut greift. Die günstiger Alternative ist 7mm Reepschnur aus Polyamid. Ein langes Stück Reepschnur kann man super vielseitig nutzen:
– Improvisierter Abseilgurt
– Standplatzaufbauten (Kleine Bäume, mehrere Bohrhaken, Schlaghaken, …)
– Seilverlängerung
– Als Abziehleine
– Ablassen/Abseilen über einen Knoten (z.B. bei beschädigtem Seil)
– Als „Geländer“ in rutschigem Gelände
– Trittschlinge beim Aufsteigen am Seil
– Material für mehr Prusiks
– Kann zum Purcell-Prusik geknotet werden

Lange Bandschlinge

Letztendlich könnte man auch noch mal etwas mehr Reepschnur einpacken. Aber eine vernähte Bandschlinge ist dann in der Anwendung doch oft einfacher und direkter. Eine 240cm Schlinge kann man einfach um Bäume mittlerer Dicke oder um andere Strukturen legen, um einen schnell nutzbaren Anschlagpunkt zu schaffen. Oder man nutzt sie, um zwei Bohrhaken zu einem Standplatz zu verbinden. Natürlich kann man auch längere Schlingen nehmen – aber kürzer als 240 ist schnell zu kurz. Besonders wenn die Schlinge dauerhaft mit einem HMS-Karabiner mitgefühlt wird, kann man so schnell ein Seil befestigen oder sich selber für z.B. den Standplatzaufbau vo dem Absturz zu sichern. Den Edelrid TechWeb Sling oder Texora Mamba Sling finde ich schick, aber natürlich gehen auch andere zertifizierte Schlingen, die günstiger sind.

Prusikschlinge

Eine Prusikschlinge lässt sich nutzen, um ein Seil zu greifen. Sie ist für eventuelle Rettungsszenarien und als Ersatz-Prusik für die Gruppe da. „Notfalls“ kann man natürlich auch neue Prusik-Schlingen aus dem langen Stück Reepschnur schneiden. Man kann fest vernähte Prusiks wie den Beal Jammy nutzen oder man knotet sich den Prusik selber. Mehr hierzu steht beim Prusik im persönlichen Kit.

3x HMS-Karabiner

Mit den Karabinern wird dann Reepschnur, Bandschlinge und Prusik einfach an den Gurt des Erfahrensten oder an einen gemeinsam vereinbarten Ort gepackt. So kann man mit dem Material und den Karabinern dann Standplätze bauen oder eine einfache Rettung machen. Mehr zum HMS-Karabiner schreibe ich unten bei der persönlichen Ausrüstung.

Ausrüstung für jeden einzelnen

Nun kommen die persönlichen Sachen, die man sich zwar auch gegenseitig verleihen kann, aber es ist einfacher und ratsam, dass das JEDER hat, der sich grad Abseilt, sich in Bereichen aufhält, in denen Absturz oder fallende Dinge auftreten könnten.

Das persönliche Set. Helm und Gurt fehlen auf dem Foto

Schützender Helm

Am besten einen zertifizierten Kletterhelm nutzen. Der Helm schützt vor herunterfallenden Dingen (Steine, Hörer, Karabiner), vor Stößen und auch bei Stürzen soll der Kopf geschützt sein. Manche ballistischen Helme sind beim Stoßschutz wie ein Kletter- oder Industriehelm zertifiziert und ein nicht zertifizierter Helm ist möglicherweise immer noch besser als kein Helm. Aber wenn ich eine Empfehlung aussprechen soll, dann rate ich zu zertifizierten Kletterhelmen nach EN12492 oder auch Schutzhelme nach EN397. Im besten Fall mit Styropor nicht nur oben, sondern auch seitlich und hinten. Als Beispiel hab ich da mal den Petzl Boreo ausgesucht.

Klettergurt

Abseilen kann man auch mit improvisierten Guten, aber einfacher ist es, einen richtigen Gurt zu nehmen. Wenn man lange (ca. 20 Minuten oder länger) im Gurt hängt, ist breites Band oder Polsterung ratsam. Aber wenn man sich „nur“ Abseilt, dann recht in der Regel ein einfacher Gurt, wie z.B. der Singing Rock Top. Der ist schwarz, super günstig, in Universalgröße und lässt sich auch unter einem Battle Belt tragen. Etwas nervig ist bei dem nur die Anseilschlaufe, die kein Ring ist, wodurch die Karabiner anders orientiert sind als z.B. beim Petzl Falcon Mountain oder Petzl Aspic. Diese beiden Petzl Gurtes sind die bessere Wahl, wenn man tatsächlich am Fels hochklettert und/oder mehr Material mit dabei hat. Denn die haben die andere Anseilschlaufe, mehr Materialschlaufen und sind bequemer. Die Hüftpolster lassen sich aber bei beiden abnehmen. Aber dazwischen gibt es auch noch eine Menge andere Gurte, die genau so gut geeignet sind.

5x HMS-Karabiner

Die großen Karabiner in der HMS-Form sind geeignet, um mit dem Halbmastwurd zu sichern, abzuseilen oder auch jemanden abzulassen. Durch die Größe liegen sie gut in der Hand und sind einfach die vielseitigsten Karabiner. Als Verschluss rate ich zu Tri-Lock, da die sich selber schließen (dennoch immer selber überprüfen – Klick-Test!) und auch bei Vibration – wie sie beim Ablassen und Abseilen entstehen kann – geschlossen bleiben. Ich nehme da gerne den AustriAlpin Rondo HMS mit 3-Wege-Verschluss, da der eine ausgewogene Größe hat und der runde Querschnitt das Seil geschmeidig laufen lässt. Der AustriAlpin Pirum mit Tri-Lock liegt dank Form und Größe auch super in der Hand. Wenn man also ein kleines Set mit nur wenigen Karabinern haben will, ist es meiner Meinung nach ratsam das komplette Set nur mit Tri-Lock HMS-Karabinern zu machen – selbst, wenn es so nicht das leichteste ist. Mit umfangreicheren Sets oder mit mehr Erfahrung kann man dann auch teilweise Karabiner durch D-Karabiner, Oval-Karabiner, Schnapper, Schrauber oder sonstige ersetzen. Besonders mit Handschuhen und bei eingeschränkter Sicht können kleine Karabiner jedoch fummelig werden 🙂 
Insgesamt ist meine Empfehlung, dass man fünf Karabiner dabei hat: 1x fürs Abseilgerät, 1x für Prusik, 1x für die Selbstsicherung und 1-2x Reserve-Karabiner, falls man einen verliert oder man als Team etwas komplexeres machen muss/möchte. Am besten achtet man darauf, dass man Karabiner, die man in scharfkantige Bohrhaken-Laschen hängt dann nicht mehr nutzt, um ein Seil durchlaufen zu lassen, da mit der Zeit scharfe Kanten entstehen können, die ggf. das Seil beschädigen können.

Alpiner Tube als Abseilgerät

Der Tube ist an sich ein Sicherungsgerät, das beim Alpinklettern, Eisklettern und teils beim Sportklettern im Gebrauch ist. Aber auch fürs Abseilen bringt er viele Vorteile gegenüber den Alternativen. Er verdreht das Seil nicht und hat ordentlich Reibung, um sich auch mit Rucksack oder Ausrüstung kontrolliert abseilen zu können. Zudem kann man mit einem alpinen Tube an nur einem als auch an zwei Seilen gleichzeitig abseilen oder sogar „notmäßig“ auch am Doppelstrag aufsteigen. Der DMM Pivot ist ein super Tube, der hochwertig verarbeitet ist und selbst mit 11mm noch gut funktioniert. Aber auch von Petzl, Black Diamond und anderen gibt es solide und geeignete Tubes, die man nutzen kann. Man muss nur immer auf die Kompatibilität achten, da einige extra für dünne Seile gemacht sind. Beim Tube kann man die Reibung beim Abseilen vorher beeinflussen – hierzu muss man etwas Erfahrung sammeln. Es gibt auch bremskraftunterstützende „Auto-Tuber“, die ich jedoch fürs Abseilen nicht empfehlen kann.

Express-Schlinge als Abseilverlängerung

Für dieses Set hier nutze ich eine 17cm Petzl Express mit zwei HMS-Karabinern und zwei Gummi-Fixierungen. Die Fixierung verhindert, dass sich die Karabiner selbstständig drehen und dann ungünstig belastet werden. Die Verlängerung ermöglicht es, den Prusik unterhalb vom Tube zu nutzen, wodurch er sich selbst nach Belastung einfacher wieder öffnen lässt. Zudem ist das Abseilgerät so etwas weiter weg von der Ausrüstung und man kann einfach mit beiden Händen unterhalb vom Tube greifen und bremsen. Mit diesem Set ist zudem das Abseil-Kit an sich kompakt beisammen, man kann sich schnell vom Seil trennen und auch Pre-Rigging ist einfach zu machen. Beim Pre-Rigging werden dann die Abseilsysteme mehrerer Personen schon am Seil befestigt. Dann müssen die Leute nur nach und nach an die Abseilstelle, sich fix einhängen und können sich dann abseilen, ohne dass jeder selber sein Abseilsystem befestigen muss. Oder wenn man zu zweit ist, kann man so auch für beide Systeme einen Partner-Check machen.

Hier zwei am Seil befestigte Systeme

Prusik-Schlinge

Mit dem Prusik am Seil unter dem Abseilgerät hat man eine „Hintersicherung“, die das Seil hält, wenn die Hände loslassen. Es gibt wilde Szenarien, bei denen der Prusik nicht greift, aber wenn man vorsichtig ist und schaut, dann kann man ihn nutzen, um beim Abseilen dann auch beide Hände vom Seil zu nehmen. Man braucht hierzu ca. 1,5m Reepschnur und kann die dann mit einem dreifachen Spierenstich zu einem Ring knoten. Die Länge sollte man so abwägen, dass der Prusik bei unterschiedlichen zu erwarteten Seildurchmessern noch genug Abstand zum Abseilgerät hat. In der Regel rate ich zu 6mm Aramid-Reepschnur z.B. von Tendon, da die belastbar ist und mit 6mm selbst dünne Seile gut greift.

120cm Schlinge

Die Rundschlinge mit 120cm lässt sich als Selbstsicherung nutzen, um sich nah an der Kante an einem Standplatz zu befestigen oder man nutzt sie als Trittschlinge beim Aufsteigen am Seil. Hier gibt es z.B. die Open Sling 14mm von Singing Rock – aber auch andere zertifizierte Schlingen gehen da.

Einkaufsliste für einfaches Abseilen

Diese Artikel sind auch nur Vorschläge und ich habe zur Einfachheit alles bei einem Händler ausgesucht, bei dem ich auch gerne einkaufe und gute Erfahrungen gemacht habe. Bei den Artikeln hab ich auf Farbe, Preis und Einfachheit geachtet. Natürlich hat fast jeder Artikel einen würdigen Alternativartikel. Aber besonders am Anfang möchte man ja das Setup einfach und kostengünstig halten.

Fürs Team (ca. 215€):
Halbstatisches Seil EN1891 Typ A, 60m, 11mm (Blacksafe Hardcore 11,0 mm)
240cm Rundschlinge (Edelrid PES Sling 16mm)
8-10m Reepschnur (Blacksafe ProCord 7mm)
Prusik-Schlinge (1,5m Tendon 6mm Aramid-Reepschnur)
3x HMS Karabiner Tri-Lock (AustriAlpin Rondo 3-Wege-Autolock)

Für jeden (ca. 215€):
Kletterhelm (Petzl Boreo)
Klettergurt (Singing Rock Top)
120cm Rundschlinge (Singing Rock Open Sling 14mm)
Prusik-Schlinge (1,5m Tendon 6mm Aramid-Reepschnur)
Express-Schlinge (Petzl Express 17cm)
Gummifixierung (Aliens RUBBER-FIX 206)
1x Großer Karabiner (AustriAlpin PIRUM 3-Wege-Autolock)
4x HMS Karabiner Tri-Lock (AustriAlpin Rondo 3-Wege-Autolock)

Sonstige Ausrüstung

Ansonsten braucht man natürlich alles, was man draußen so braucht. Eine sinnvolle Ergänzung kann Kantenschutz sein, der auch aus alten Wolldecken, Kartonage oder alter Bekleidung improvisiert werden kann. Immer an Licht denken! Denn während man im Dunkeln zwar heimlaufen kann, ist die Arbeit am und mit Seil im Dunkeln nicht so einfach möglich!

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